Corona-Krise: Aktuelle Lage in drei Berufsfeldern

Während der Corona-Krise sind viele Unternehmen gezwungen ihre Beschäftigten in Kurzarbeit zu schicken. Die Regierung rechnete im April mit über zwei Millionen Betroffenen. Wir haben uns mit zwei von ihnen aus der Stahl- und Textilbranche unterhalten und beim Handelsverband NRW nachgefragt: Was hat sich im Einzelhandel nach der Aufhebung der 800 qm-Grenze getan?


Stahlindustrie

Erst Kurzarbeit, dann Arbeitslosigkeit?

Stephan Vels verbringt seine neu gewonnene Freizeit gerne auf dem Fahrrad. (Foto: ©Stephan Vels)

Den Rechner hochfahren, in aller Ruhe Kaffee holen und die Kollegen im Büro begrüßen – so startet Stephan Vels für gewöhnlich seinen Arbeitstag im Sales Office. Doch die Krisensituation macht sich in der Stahlindustrie deutlich bemerkbar. Seine Firma Ovako, in Düsseldorf, ist um einen Arbeitsausfall nicht herum gekommen: „Das hat damit zu tun, dass die Weltwirtschaft aufgrund der Situation rapide den Bach runtergegangen ist, dass unsere Kunden Aufträge storniert haben und der Auftragseingang schwächelt“, berichtet der 54-Jährige. Seit dem 04. April 2020 arbeitet er zwei Tage weniger in der Woche. Auch wenn sich die Pandemie in seinen Arbeitsstunden bemerkbar macht, muss er kein Geld einbüßen: „Aufgrund der Gehaltsabrechnungen wird mein Bruttoeinkommen reduziert und ich muss weniger Steuern bezahlen. Dann haben wir den Vorteil, dass im Vertrag fixiert ist, dass der Arbeitgeber 13 Prozent des durchschnittlichen Nettogehaltes der letzten drei Monate bezuschusst“, sagt er. „Meine größte Sorge ist nicht das Geld, sondern, dass dieser Zustand weit über den Sommer hinaus anhält und man von der Kurzarbeit in die Arbeitslosigkeit wechselt“, erzählt Vels. Doch darüber möchte er lieber nicht zu lange nachdenken. Zu groß sei die Gefahr der psychischen Belastung. „Das ist in meinen Augen im Augenblick das schlimmste, was dir passieren kann.“

„Ist das Glas halb leer oder halb voll? Bei mir ist es grundsätzlich leer, weil geht ja gar nicht – so ein halbes Glas.“

– Stephan Vels

Thyssenkrupp streicht 3000 Stellen

Nicht nur die Firma Ovako muss bei ihren Arbeitnehmern Stunden kürzen. Auch bei Deutschlands größtem Stahlhersteller, Thyssenkrupp, sind mehrere Tausend Menschen betroffen, wie das Handelsblatt berichtet. Ende März stellte die Firma ihr „Sofortpaket“ in der Corona-Krise vor. Dieser Plan kostet 3.000 Arbeitern ihren Job. Bis 2026 sollen die Stellen abgebaut werden. Außerdem wurde vereinbart, das Kurzarbeitergeld auf 80 Prozent aufzustocken.


Diese Jobs sind am stärksten von Kurzarbeit betroffen. (Foto: ©Anita Stall/ Freimagazin)

Textilbranche

Stopp in Produktionsländern

Weniger Arbeit heißt für Andrea Kann mehr Zeit für ihr Hobby: Motorrad fahren. (Foto: ©Andrea Kann)

Welche Farbe, Form und welcher Artikel muss wann, wohin geliefert werden? Diese Daten braucht Andrea Kann normalerweise für die Produktionsplanung von Herrenhosen. „Pro Saison sind das ungefähr 350.000 Teile“, erklärt die Bekleidungstechnikerin. Doch wann diese fertig sein werden, ist im Moment noch nicht ganz sicher. „Wir haben das Problem, dass wir viele Lieferanten in Asien, in der Türkei und in Italien haben. Italien hatte die Produktion erst mal eingestellt. Die haben die kompletten Firmen geschlossen. Da kommt es schon zu Lieferverzögerungen. Aus Fernost kam im Moment auch nichts und die Türkei hat teilweise die Liefertermine verschoben. Tunesien hatte jetzt auch drei Wochen Produktionsstopp.“ Deshalb herrscht auch bei Gadeur in Mönchengladbach im Moment nahezu Stillstand. Den Arbeitnehmern wurden, seit Ende März, die Stunden gekürzt. Ganz besonders sind die Beschäftigten in der Warenannahme und der Versand-Abteilung davon betroffen. „Es kommt im Moment nicht viel rein“, erklärt die 52-Jährige. Doch sie hat Glück: In der Produktionsplanung sieht das schon etwas milder aus.  „Ich habe im Moment einen Arbeitsausfall von 20 Prozent“, berichtet Andrea Kann. Sorgen oder Ängste hat sie deshalb jedoch keine und freut sich über die Arbeit im Home-Office: „Wenn man Zuhause ist, kann man super zügig arbeiten. Es stört kein Telefon groß. Klar, die E-Mails kommen rein und es läuft alles über diesen kleinen Laptop. Im Büro hat man natürlich zwei große Bildschirme und die Tastatur. Das ist natürlich alles ein bisschen Einschränkung, aber man gewöhnt sich an alles.“

Zeit für Optimierung von Arbeitsabläufen

Während weniger Ware produziert wurde, haben sich die Beschäftigten in ihrer Firma mit administrativen Aufgaben auseinandersetzt. Dabei haben sie Arbeitsabläufe optimiert. „Wir müssen schauen, wenn die jetzt wieder starten, dass das dann reibungslos funktioniert, damit wir da keine Verzögerungen haben.“


Einzelhandel

Um die Hälfte weniger Umsatz

Vor kurzem startete auch der Verkauf in allen Geschäften von Nordrhein-Westfalen wieder. Denn die 800 qm-Grenze wurde aufgehoben. Für viele Unternehmer heißt es erstmal: aufatmen. „Das war von Anfang an unser Wunsch, dass das diskriminierungsfrei – unabhängig von Größe und Sortiment geschieht“, sagt Carina Peretzke, Referentin vom Handelsverband Nordrhein-Westfalen e.V. Unter den Auflagen der Hygiene- und Schutzmaßnahmen können die Kunden wieder einkaufen. Der Handelsverband erhält diesbezüglich viele positive Rückmeldungen und berichtet, dass der Großteil der Kunden sich vorbildlich an die neuen geltenden Regeln hält. „Auswirkungen auf die wirtschaftliche Lage sind natürlich trotzdem noch vorhanden. Ein Punkt ist, dass das Einkaufen mit Maske nicht besonders spaßig ist. Das Einkaufserlebnis und die Beratung sind massiv gestört. Das heißt natürlich auch, dass das entspannte Bummeln im Moment einfach nicht stattfindet. Ein anderer Punkt ist: Viele Menschen sind in Kurzarbeit oder haben aus anderen Gründen Geld- und Existenzsorgen. Da sitzt das Geld nicht locker.“ Auf dem Stand, wie vor der Corona-Krise, sei der Einzelhandel deshalb noch lange nicht. „Da bekommen wir Berichte, dass wir – ganz grob – ungefähr bei der Hälfte des vergleichbaren Vorjahrszeitraumes sind.“

Lösungsansatz: 500 Euro „Corona-Schecks“

Der Handelsverband Deutschland hat dazu einen möglichen Lösungsvorschlag erarbeitet. Mit sogenannten „Corona-Schecks“ im Wert von 500 Euro soll jeder Bürger, im Einzelhandel, einkaufen gehen können. Der Plan: Die Wirtschaft ankurbeln und die Konsumentenstimmung wieder anheben – auf Kosten vom Bund. Auch eine verringerte Mehrwertsteuer ist im Gespräch.

Chancen für den Online-Handel

Neben all den negativen Aspekten sieht Carina Peretzke auch eine Chance für die Wirtschaft, durch die Corona-Krise. Sie berichtet, dass viele Geschäfte ihre Ware nun auch online anbieten. „Da hat man schon gemerkt, dass die Digitalisierung noch mal einen Sprung gemacht hat – gerade beim Handel, der da noch etwas zurückhaltend war.“ Ihrer Erfahrung nach habe sich gezeigt, dass sowohl die offline, als auch die online Präsenz entscheidend für eine Umsatzsteigerung im Handel ist. Hilfe, bei der Digitalisierung, bekommen viele Unternehmen dabei von sogenannten „Digital Coaches“. Im Auftrag vom Land NRW und dem Handelsverband helfen sie den Händlern bei den ersten Schritten in die Online-Welt. „Wenn man da jetzt dran bleibt, dann kann es auf jeden Fall eine sehr schöne Sache sein, die man jetzt mitnimmt“, so Peretzke.


Checkliste: Wann besteht Anspruch auf Kurzarbeitergeld?

  • Wenn mindestens 10 Prozent der Arbeiter/innen einen Lohnausfall von mehr als 10 Prozent, im jeweiligen Monat, haben
  • Wenn der Ausfall keine branchenübliche, betriebsübliche oder saisonbedingte Ursache hat
  • Wenn alle Überstunden und Urlaubstage abgebaut wurden
  • Wenn Gegenmaßnahmen getroffen wurden (z.B. Aufräum- und Instandsetzungsarbeiten)
  • Wenn eine Anzeige des Arbeitsausfalls schriftlich bei der Agentur für Arbeit eingereicht wurde

Text: Anita Stall

Fotos: Anita Stall, Stephan Vels und Andrea Kann


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