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Zum Journal Folge Eins: Fußballjournalismus

In Folge Eins des neuen Journalismus-Podcasts Zum Journal spricht Host Paul Vogt mit und über Fußballjournalisten und über die Herausforderungen ihres Berufes.

Der Podcast in Worten

Paul Vogt: Ja moin und herzlich willkommen zum diesmal klassischen Podcasts des Journals. Bei mir ist heute in Wien, also ich bin eigentlich heute da, der Moritz Ablinger. Wir sind im Büro des Ballesterer und es ist wunderschön wie immer. Ich rede heute mit Moritz ein bisschen über den Fußballjournalismus. Denn weil wir schon beim Ballesterer sitzen, kann man sich schon denken: Der Moritz hat auch was mit dem Fußballjournalismus zu tun, vor allem mit dem Ballesterer, und möchte sich einmal vorstellen vielleicht.


Moritz Ablinger: Ja hallo, ich bin der Moritz. Ich bin 27 und seit sechseinhalb Jahren jetzt beim Ballesterer, mache dort relativ viel und hab den Paul auch, wie er dort vor ziemlich genau einem Jahr Praktikant war, kennengelernt. So bin ich interessiert an allem, was mit Journalismus zu tun hat. Grundsätzlich aber Politikwissenschaften studiert und kein ausgebildeter Journalist im herkömmlichen Sinn.


Vogt: Da sieht man auch ein bisschen, wir haben jetzt einen relativ ähnlichen Backround was die Zeitung angeht. Ich war auch beim Ballesterer, ein halbes Jahr für ein Praktikum für die Hochschule Hannover. Ich glaube trotzdem, dass wir heute vielleicht sogar ein bisschen konträr miteinander reden können. Da würde ich mal Fragen, wie bist du denn zum Fußballjournalismus gekommen als Politikwissenschaftler?

Ablinger: Das sind zwei Sachen. Einerseits bin ich mit Fußball aufgewachsen, solange ich denken kann Fußballfan gewesen. Mich hat Fußball interessiert. Auf der anderen Seite hatte ich immer ein relativ großes Mitteilungsbedürfnis, war immer relativ eitel. Das hat sich dann auch gezeigt, dass ich in meiner Jugend zwei oder drei verschiedene Blogs hatte und eine Schülerzeitung gemacht habe.


Vogt: Gibt’s die Blogs eigentlich noch?


Ablinger:Es gibt den leider noch. Wenn man ihn googelt, findet man ihn auch. Ich gebe jetzt nicht der Allgemeinheit Tipps wie man das hinbekommt.
Genau, ich habe aber auch sehr lange schon den Ballesterer verfolgt, vor allem über Freunde meines Vaters, die den sehr bald kannten. Als ich dann nach Wien gekommen bin 2012, war für mich eigentlich relativ klar, dass das etwas ist, was ich machen wollte, ohne eine konkrete Vorstellung davon zu haben, was man da denn überhaupt macht und was es überhaupt ausmacht Journalist zu sein. So ist das irgendwie zusammengekommen.

Vogt: Aber wolltest du dann eigentlich nur über Fußball schreiben? Ich glaube wir hatten irgendwann mal ein Gespräch, wo du meintest, du bist vor allem auf Fans und Fangeschichten fokussiert. Bist du deswegen zum Ballesterer oder war es Fußball generell?


Ablinger: Genau, es stimmt auf alle Fälle. Mich interessiert Fußball schon, ich bin Fußballfan. Was mich mehr interessiert, um drüber zu schreiben, sind die Dinge, die Drumherum passieren. Das sind auf der einen Seite eben Fans. Das sind auch in irgendeiner Form Funktionäre. Ich tue mich schwer über ein Spiel zu schreiben. Ich finde das auch spannend und vielleicht würde ich das auch gerne mal machen, aber das ist fast eine andere Disziplin. Eine die ich kaum ausgeübt habe.


Vogt: Also nicht so diese klassische Berichterstattung.

Ablinger: Genau. Oder auch Taktik. Da habe ich auch kaum Ahnung.


Vogt: Das ist zum Beispiel so ein kleiner Unterschied. Ich bin auch zum Ballesterer gekommen, weil ich halt diese Geschehnisse Drumherum so spannend und schön dort finde. Und, weil Fußball für mich auch immer in einen Kontext gesetzt werden muss. Wenn ich mich jetzt so aber in meiner Fußballvergangenheit umschaue, war das Spiel an sich immer auf Platz 1. Keine Ahnung, ob ich da jetzt auf Dauer hingehen werde und den Emanuel Van den Nest als beim Ballesterer als Taktiker ablösen werde. Wahrscheinlich eher nicht dafür bin ich dann taktisch doch zu unbedarft. Bei mir ist es eher so, dass um den Fußball als Sport geht und um die Spieler viel mehr. Ich glaube, das liegt daran, dass ich zwar viel in der Fankultur drinnen war, auch bei mir in Bremen. Aber nie nah an Ultragruppierungen und viel mit denen gemacht habe. Für mich stand der Fußball immer voran. Ich kann auch Spiele auf Sky gucken und nicht im Stadion.


Ablinger: Ich glaube, du schaust auch viel mehr Fußball als ich.


Vogt: Möglich. Wobei man heute ja extrem viel und überall gucken kann. Ja, dann wollen wir loslegen. Ich habe mir gedacht, dass wir reden heute einfach mal über den Fußballjournalismus an sich, als Leute, die schon ein bisschen drinnen sind. Du bist auf jeden Fall länger im Business. Wir können damit starten, wenn wir es jetzt schon einmal erwähnt haben. Dieser Eventjournalismus, wo wir jetzt gesagt haben, dass es eher nicht deine Berichterstattung ist, aber ich in meinem Fall viel darauf zurückgreife, der Fußball als Spiel liebt. Wobei du Fußball ja auch liebst. Kannst du dir vorstellen, doch noch einmal in die Richtung zu gehen oder ist der Ballesterer doch das, was du bis zum Ende machen würdest.


Ablinger: Ich glaube, ich bin so wie ich über meine Karriere nachdenke, ein relativ pragmatischer Mensch. Ich könnte mir es schon noch vorstellen. Alleine weil der Ballesterer ein relativ kleines Magazin ist, das immer prekär bleiben wird. So groß ist der Markt nicht. Ich würd einfach auch nicht davon ausgehen, dass es das für mich gewesen ist, im Sinne von: Ich kann da anfangen und wie, dass ich da so lange bleiben kann, wie ich will. Das ist das Eine. Das andere ist, dass ich das nicht kategorisch ausschließen würde. Da gibt es Graustufen. Ich finde nicht jeden Match-Bericht, sei es Zeitung oder Fernsehen, furchtbar. Das ist nicht alles so klassischer Eventjournalismus. Es gibt Facetten davon, wie Fußball im Fernsehen präsentiert wird, die ich furchtbar finde. Wo ich auch selber eine rote Linie ziehen würde.


Vogt: Was wäre das so?


Ablinger: Ich könnte mich zum Beispiel nicht ins Fernsehen stellen, wenn meine Aufgabe wäre, zu verteufeln, wenn Fans Pyrotechnik zünden. Das ist für mich nicht logisch. Es ist muss nicht immer dabei sein, ist aber etwas, was oft durchklingt.
Vogt: Selbst bei den vermeintlich Progressiven wie DAZN klingt es ja immer wieder durch.


Ablinger: Genau. Ich würde mich auch in gewisser Weise unwohl fühlen, wenn man alles immer so hochstilisiert. Wenn man also aus rein ökonomischen Zwängen, aus jedem Spiel ein Entscheidungsspiel oder ein wahnsinnig wichtiges Spiel machen muss. Da wird man irgendwann unglaubwürdig. Aber auch in den Mainstream- oder kommerziellen Medien gibt es in irgendeiner Form Platz für Seriosität. Das könnte ich mir schon vorstellen.


Vogt: Das ist aber schon so ein Punkt. Jedes Match ist irgendwo immer ein besonderes Match. Dann ist es das Abstiegsduell, obwohl es noch die Hinrunde ist. Es muss immer das Größte sein. Auf allen Plattformen. Ich hatte in der Vorbereitung eigentlich was anderes gesucht, aber den Ballesterer-Text von Nicole Selmer und Jakob Rosenberg zur 100. Ausgabe entdeckt. „Wozu braucht es den Ballesterer eigentlich noch?“ Diese immer gleiche Berichterstattung in allen Medien, vor allem auf Social Media, wo alles in den Himmel geschossen wird. Alle Berichte sind gleich. Selbst viele Medien, die sich vorgenommen haben, das nicht zu machen. FUMS ist, meiner Meinung nach, auch nur noch: „Ey ihr habt hier dieses Supertor und dann aber gleich das nächste Supertor“. In gewissen Bereichen leider auch bei 11 Freuden ähnlich. Natürlich bei Sky erst recht. Clickbaiting nennt man das ja immer. Wenn ich jetzt Sky auf YouTube sehe: „Stellt euch vor, was dieser Spieler jetzt macht“.


Ablinger: Was halt auch ein Problem ist – das gibt es in Ansätzen auch beim Ballesterer, aber im tagesaktuellen Geschäft natürlich noch viel mehr – ist diese Verhaberung, wie man in Österreich sagt. Ich weiß gar nicht, wie man das auf Hochdeutsch formulieren würde. Man kennt sich halt und ist auch befreundet und natürlich fehlt dann die Distanz. Das ist für den Teil des Fußballjournalismus, über den wir gerade geredet haben, auch kein Problem. Weil der Anspruch auch kein sonderlich kritischer ist, wenn man seine Freunde oder Leute zu denen man aufschaut hochstilisiert, ohne das die trotzdem notwendige Distanz hat. Das ist ein Problem. Das gibt es beim Ballesterer auch, aber anderswo noch viel stärker.


Vogt: Ich hatte letztens für ein Sport-Seminar an der Hochschule für ein Referat herausgesucht, wo die Zukunft des Sportjournalismus hingeht und eine Studie von dem freien Journalisten Tonio Postel von der Otto-Brenner Stiftung der IG-Metalle, entdeckt. Dort ging es darum, dass der Fußballjournalismus viel zu unkritisch ist, vor allem diese Nähe ein Problem ist. Wobei ich sagen würde, dass Nähe nicht unbedingt ein großes Problem ist. Ich bin mir da nicht ganz sicher.
Ablinger:Das ist total ambivalent. Man kriegt durch diese Nähe auch Dinge mit, die man ohne nie mitkriegen würde. Und da wird es halt schwierig. Eine gewisse Nähe braucht es um Dinge exklusiv oder zeitnah zu erfahren. Dann wird das ein ambivalentes Verhältnis. Dann muss man sich Gedanken drüber machen, dass man das „Compliance-mäßig“ hinbekommen kann. Dass man zwar nah dran ist und gut kennt, aber im Umkehrschluss nicht heißen muss, dass man jetzt alles hochjubelt. Das ist schwierig, weil das schneller geht, als man denkt.


Vogt: Wir haben jetzt die Exklusivität schon angesprochen. Ich würde ja sagen, dass das heutzutage gar nicht mehr möglich ist. Zum einen musst du ja in Zeiten von Social Media alles sofort raus pushen. Andererseits: So richtig viel erfährt man ja von Vereinsseite auch nicht mehr, was nicht vorher schon Pressesicher gemacht wurde.


Ablinger: Ja, aber es gibt auch in der Branche auch viele Leute, die ihre Arbeit darin sehen, als Erstes zu erfahren, dass ein Transfer vollzogen wurde. Das gibt es schon noch, dass es exklusiv ist und sei es nur fünf bis zehn Minuten. Sowas interessiert mich überhaupt nicht. Wie du sagst, es ist ja völlig wurscht, man erfährt es so oder so und man beeinflusst damit auch überhaupt nichts. Aber es gibt Leute, denen das taugt und die ihren Job so verstehen.


Vogt: Du bist auch nicht nur im Fußballjournalismus aktiv, sondern schreibst auch für den Mosaik-Blog. Kannst du vergleichen: Wie ist das Verhältnis der Fußballjournalisten untereinander? Wie würdest du das beschreiben. Wenn man immer die erste Nachricht haben muss, ist man dann schon kritisch oder giftig untereinander?


Ablinger: Wir haben ja für die 150 Nummer, mit der wir unsere Rettungskampagne „Ballesterer brennt“ forciert haben, zwei Journalisten interviewt. Den Alexander Huber vom Kurier und den Michael Fiala von 90minuten.at. Ich würd sagen, dass das Verhältnis deshalb ganz gut ist, weil wir alle unsere Rollen kennen. Natürlich könnten wir manchmal giftiger sein und natürlich könnten wir bei gewissen Zeitungen oder Blogs kritischer sein, aber im Endeffekt funktioniert es deshalb ganz gut, weil alle wissen: Der Ballesterer ist ein Monatsmagazin, dessen Anspruch ist es gar nicht, erster oder schnellster zu sein. Dann gibt es halt die Blogs, die logischerweise ein bisschen Clickbaiting betreiben müssen oder Sachen als exklusiv verkaufen, die es vielleicht gar nicht so sehr sind. Ich würde es denen gar nicht mal so vorwerfen. Wie du sagst, ich bin jetzt beim Mosaik-Blog seit zwei Jahren angestellt. Das ist ein Blog, der vor allem über Social Media verbreitet wird und natürlich musst du da die Dinge in irgendeiner Form so aufbereiten, dass die Leute sie anklicken. Das ist halt anders bei einem Heft. Daher verstehe ich das auch. Natürlich gibt es dann manche Kollegen, um darauf nochmal zurückzukommen, wie die Fans reden, das geht nicht. Wir kritisieren sie dann auch dafür. Das sind aber auch Leute, mit denen wir sowieso nicht viel zu tun hätten.


Vogt: Ganz interessant, ich habe sogar ganz anders mit der Frage abgezielt. Ich dachte eher, dass es vielleicht sogar zu giftig untereinander ist. Aber das klingt jetzt eher nicht danach, zumindest im österreichischen Fußball.


Ablinger: Vielleicht ist das zwischen den Tageszeitungen oder einzelnen Blogs so, aber das kann ich zu schlecht beurteilen.
Vogt: Wie siehst du den Stellenwert des Fußballjournalismus generell? Ich arbeite neben meinem Studium als Community Manager für Tageszeitungen. Was ich da feststelle: Du kannst es eigentlich nie richtig machen. Das ist das, was Social Media so an sich hat. Du kannst wahrscheinlich sagen: Manuel Neuer ist Torhüter und dann kommen zwei um die Ecke und kritisieren dich dafür, dass du nicht gesagt hast, das Manuel Neuer auch Stürmer spielen könnte. Was ich aber mitbekomme ist, dass vor allem Tageszeitungen einen unfassbar schlechten Ruf genießen und für jeden kleinsten Fehler fertig gemacht werden. Ich habe das Gefühl, dass das beim Fußballjournalismus noch nicht so ist. Klar, auch dort werden Kommentatoren und Kommentatorinnen, vor allem letztere, gerne kritisiert. Im Grunde genommen kommen sie aber besser weg als andere Branchen im Journalismus.


Ablinger: Das glaube ich auch. Da ist der Sportjournalismus, was das betrifft, sicher eine relativ dankbare Branche. Ich glaube schon, dass es den Anspruch gibt etwas, als erster zu wissen und vielleicht auch, in den letzten Jahren, nicht mehr nur Artikel zu schreiben, sondern auch die Leserin oder den Leser bei Twitter am Laufen zu halten und das alles brauchbarer aufzubereiten. Dieser Stress, den generell die ganze Branche erfasst hat, macht um den Sportjournalismus keinen Bogen. Wenn man sich aber Forenbeiträge oder Kommentare unter Artikeln durchschaut: Das sind Erfahrungen – auch weil der Sport in letzter Konsequenz nicht so polarisiert. Mal abgesehen von Ausnahmefällen, wie die Özil-Debatte – die ich in der Form so nicht mache. Da würde es mich auch mal interessieren, ob das in Deutschland anders ist. In Österreich ist es relativ angenehm.


Vogt: Na gut, wenn man im Standard-Forum unterwegs ist, denke ich mir auch immer wieder: „Oh Gott, die machen ja den schlechtesten Job aller Zeiten dort“. Und das bezweifle ich mal.
Ablinger:Es gibt eine Kooperation zwischen dem Ballesterer und der Tageszeitung Standard, wo ein Artikel pro Heft erscheint. Wenn dann fünf Leute in den Kommentaren darunter schreiben: „Der Ballesterer ist übrigens ein Magazin der Hooligans und Ultras-Verherrlicher“, dann sollen sie. Das geht auch spurlos an mir vorbei.


Vogt: Greift dich dann nicht an.


Ablinger: Ja genau. Ich frag mich auch, wie das für andere Journalistinnen ist, die sind da sicherlich ganz anderem Hass im Netz ausgesetzt. Das gibt es Sportjournalismus tatsächlich weniger, vielleicht ist das für Frauen im Sportjournalismus ein Problem. Vogt: Wie siehst du denn die finanzielle Lage. Beim Ballesterer hast du ja gerade die Erfahrung gemacht, es ist relativ knapp aktuelle. Aber auch davor ist schon eine Tageszeitung in Österreich eingegangen. Ablinger:Eine Wochenzeitung. Die Fußballzeitung. Vogt: Kreativ. Die ist aber auch weggebrochen und euch in Deutschland gibt es für das große Land und den größten Fußballverband der Welt nicht mehr so viel. Es gibt 11 Freunde als Magazin, den Kicker als Wochenzeitung als Beispiel. Würdest du trotzdem sagen, dass die Lage gerade positiv ist oder geht die Vielfalt aktuell verloren? Ablinger:Ist katastrophal ein zu starkes Wort? Viel fehlt aber nicht. Die Fußballzeitung war nicht das einzige Magazin, in den letzten zehn Jahren sind zwei oder drei österreichische Sportmagazine eingestellt worden. Das heißt, es gibt außer dem Ballesterer kein anderes Sportmagazin mehr. Und was auch in den Tageszeitungen an Kürzungen und fehlendem Geld passiert, ist ein massives Problem. Auch, wenn dort natürlich die Zeitungen nicht eingestellt werden.

Vogt: Es gibt ja auch kaum noch voll bezahlte Jobs, meist nur freie Mitarbeit. Das ist vor allem bei Zeitungen ein grundsätzliches Problem, trifft aber natürlich auch den Sportteil. Was meinst du denn: Sky und Co. nehmen ja immer größere Verträge auf, die werden ja immer größer?

Ablinger: Ich habe bei Sky eine Zeitlang als Honorarkraft im Social Media-Bereich gearbeitet, bis 2016. Da gab es ein relativ großes Team, die alle auf Honorarbasis gearbeitet habe, ca. zehn Leute. Da wurde als Sparmaßnahme beschlossen, dass von den zehn Leuten im Endeffekt drei behalten wurden. Die wurden zwar angestellt, aber mein Eindruck ist, dass Sky – jetzt, da sie auch nicht mehr Alleinunterhalter im Fußball sind. Die haben immer größere Konkurrenz und verlieren auch mehr Rechte – gerade im Unterbau auch keine gutbezahlten, super ausfinanzierten Stellen hat. Natürlich gibt es dort aber auch irre Top-Jobs. Vogt: Das hätte ich jetzt gar nicht so gedacht. Die Medienverträge werden ja immer größer und die Summer im Fußball immer höher. Da geht dann mit Sicherheit auch viel ab. Ablinger:Vielleicht ist das in Deutschland auch anders. Da gibt es generell viel mehr Arbeitsplätze, die da dran hängen. Ich habe jetzt gelesen, dass alleine im deutschen Bundesligafußball 65.000 direkte und indirekte Jobs dranhängen. In Österreich ist es nicht einmal ein Drittel. Da sind die Verhältnisse auch einfach anders. Vogt: Das kann gut sein. An dieser Stelle würden wir eine ganze kurze Pause machen. Wir haben ein wunderschönes Lied für euch, wie auch am Anfang. Da lief ja das 78er-Erfolgslied „Grüßt euch“. Jetzt kommt ein bekannteres Lied. Reinhard „Fändrich“, es lebe der Sport.

Ablinger: FENDRICH.

Vogt: Fendrich, ja. Der österreichische Dialekt, den ich mir kurz angeeignet hatte, ist mir abhandengekommen. Es lebe der Sport, ein schönes Lied, und wir hören uns gleich wieder. Einspielen des Liedes. Vogt: So, da sind wir wieder und machen weiter. Eigentlich hatte ich jetzt vor in das Thema „Kritischer Fußballjournalismus“ einzusteigen, passend zum Lied. Dem ja immer nachgesagt wird, dass es eine Kritik am Sportjournalismus sein soll. Und ja, ich habe auch den Wikipedia-Artikel dazu gelesen. Ablinger:Es gibt einen eigenen Wikipedia-Artikel zu diesem Lied? Vogt: Ich glaube schon, ja. Der Sensationsjournalismus klingt ja auch ganz gut durch in dem Lied. Wir haben aber in der Pause über ein Thema gesprochen, was ich ganz interessant fand für diesen Podcast. Wie viele junge Fußballjournalistinnen und Fußballjournalisten kennst du eigentlich so? Stoßen da viele rein oder gibt es, vor allem wenn man diese Verhaberung anspricht, doch eher ein älteres Publikum? Ablinger:Interessante Frage. Was man dabei immer mitdenken muss: In Österreich ist die Branche nicht riesig. Es gibt vier, fünf Tageszeitungen, die über eine größere Sportredaktion verfügen. Dazu ein paar Blogs. Da gibt es schon jüngere Leute. Gerade was Taktik im weitesten Sinne betrifft, oder diese unmittelbare Spielberichterstattung. Ich kenne die jetzt nicht so gut, weil es nicht das ist, was ich mache. Grundsätzlich ist das Bild, das man von einem Sportjournalisten in Österreich hat, ein alter Mann der sich nicht zu wenig am Stadionbuffet bedient. Das ist sicher ein Vorurteil, aber das kommt auch nicht von ungefähr. Ich weiß nicht, ob das in Deutschland irgendwie anders ist? Vogt: Also die Bekannteren sind halt definitiv ältere, was aber auch daran liegen kann, dass man halt schon lange dabei ist. In der Berichterstattung kam aber mit DAZN zum Beispiel eine ganze Horde junger Menschen daher, die ich überhaupt nicht auf dem Zettel hatte. Fände ich auch interessant zu wissen, wo die vorher waren und was die gemacht haben. Ich habe schon das Gefühl, dass man gut reinkommt, ich weiß nur nicht, wie hoch so der Ausschuss der Leute ist. Ich würde es allgemein nicht als zu schlecht bewerten, es gibt schon eine gewisse Durchlässigkeit. Wobei in den Redaktionen außerhalb vom Ballesterer, bei denen ich Praktika gemacht habe, waren das auch alles Ältere. Es ist schon schwierig reinzukommen. Das hatten wir ja auch noch kurz in der Pause besprochen. Um richtig reinzukommen in Deutschland brauchst du inzwischen eine Hochschulausbildung und eigentlich noch ein Volontariat. Dann bist du halt schon 30, wenn du anfängst, obwohl du es vielleicht schon vorher richtig drauf hast. Schwer zu sagen, ich fand den Einblick nur interessant, gerade weil sich das hier an jüngere richten soll. Ablinger:Ich glaube schon, dass es darauf ankommt, was sie dann machen. Beim Kurier gibt es zum Beispiel einen Podcast der Sportredaktion. Das macht ein Jüngerer. Der ist dann auch nicht für Print angestellt, sondern für Online. Dort ist das Durchschnittsalter sicherlich auch beträchtlich jünger. Das gilt auch, vom Gefühl, nicht nur für Sport, sondern für alle Ressorts. Vogt: Ich würde jetzt auch mal als These aufstellen, dass wenn wenig mit Fans gesprochen wird, dies vor allen Dingen an den älteren Leuten liegt. Das liegt mit Sicherheit an der jüngeren Generation, die den Ultras zum Beispiel viel aufgeschlossener sind. Aufgeschlossen muss ja nicht heißen, dass man komplett nah dran ist und alles positiv sieht, aber interessiert. Kommen wir doch jetzt mal zu dem, was ich eigentlich vorhatte zu besprechen. Haben wir natürlich auch schon viel drüber gesprochen. Über die kritische Berichterstattung im Fußballjournalismus. Meine Frage ist erstmal: Würdest du sagen, dass Journalismus per se kritische sein muss?

Ablinger: Es gibt ja dieses Zitat von George Orwell, das öfter bedient wird: „Journalismus heißt irgendwas zu drucken, was jemand anderes nicht gedruckt haben will. Alles andere ist PR. Das finde ich einen sehr hohen Anspruch. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das so unterschreiben würde. Ich würde sagen, der Anspruch von Journalismus sollte im weitesten Sinne sein, etwas zu vermitteln, was man vorher nicht wusste. Oder das jemand dafür bezahlt wird, sich etwas anzuschauen und sich in eine Materie einzuarbeiten und das dann auch entsprechend vermittelt. Das muss nicht immer kritisch sein. Aber man stößt halt oft an Punkte, wo man sich überlegen muss: Glaube ich dem Vereinspräsidenten oder der Vereinspräsidentin, dass was sie sagt? Oder stelle ich dort noch ein, zwei kritische Nachfragen, oder höre mir noch Gegenstimmen an? Ich glaube oft ist das Problem, dass genau das halt untergeht. Und das finde ich schade, weil es schon dazu gehört. Vogt: Wenn ich meinem Idealbild entsprechen würde, dass ich mir am Anfang vorgestellt habe, wäre Journalismus für mich: Möglichst viele Seiten abdecken und den Leuten nicht zu sehr etwas aufzudrängen, indem ich sage, „das ist das einzig Richtige“. Sondern einen Einblick bieten, wo Leute sich das nicht machen können und sich daraufhin weiterbilden können. Das ist aus vielerlei Hinsicht gar nicht mehr so möglich, heute. Du hast es ja schon angesprochen. Du hast weniger Zeit, musst exklusiver sein, vielmehr rausbringen. Die Tageszeitungen werden immer kleiner, beziehungsweise die Redaktionen. Das ist ein großes Problem dabei, wenn man mehr kritische Stimmen mit reinholen möchte. Ablinger:Ich glaub auch nicht, dass Kritik dann ein Selbstzweck sein sollte, wie „wir sind jetzt kritisch und deshalb schreiben wir einen kritischen Artikel“. Sondern eher, dass man einen Einblick bietet, weil man doch eben mehr Zeit hat, als Menschen, die gar nicht in dem Bereich arbeiten. Was hieße denn für dich, wenn du jetzt Feldberichterstattung machen würdest, kritisch sein? Vogt: Gute Frage. Mein Lieblingsbeispiel, das ich immer anbringe, ist, wenn im deutschen Live-Fernsehen über Schwalben geredet wird. Das ist mir viel zu sehr: „Okay wir sagen zwar, dass es nicht so gut ist, aber reden auch nicht wirklich drüber und sprechen die jetzt auch nicht darauf an in der Nachberichterstattung“. Da wäre es in einer Hinsicht kritisch zu sagen: „Irgendwas läuft hier doch verkehrt, das entspricht doch nicht den Standards des Fußballs“. Also einfach auch mal sagen, dass es keine gute Aktion war, nur ein bisschen deftiger. Das ist ja auch nicht für den Selbstzeck oder zum anecken, sondern auch um was anzuregen. Vielleicht ist das aber auch zu sehr Idealbild. Ablinger:Wenn ich über sowas nachdenke und auf sowas stoße wie: „Ja da gibt’s halt einen Trainer und dessen Spielsystem passt halt nicht zu Mannschaft“. Und das konsequent zu argumentieren, das finde ich total interessant. Das erfordert halt recht viel und zeigt auch die Schwierigkeiten von kritischem Journalismus. Wie kommt man denn dazu, so ein Urteil zu fällen? Das ist ein interessantes Spannungsfeld. Vogt: Definitiv. Das beste Beispiel war ja auch die ganze Dietmar Hopp-Geschichte. Ja, ich würde definitiv auch sagen, dass ich die Art und Weise wie Hopp beleidigt wurde, nicht gut fand. Also, dass er beleidigt wurde und wie er beleidigt wurde. Aber man kann da schon auch im ersten Moment von den großen Sportzeitungen hinterfragen, warum wurde das überhaupt gemacht. Das kam im zweiten oder dritten Moment von Medien, die sich nicht darauf ausrichten Fußballjournalismus zu betreiben, sondern das politisch hinterfragen. Sagen wir SportInside als ausgewiesenes Medium mit kritischer Berichterstattung. Von Sky und Co kam da gar nichts, da wurde das [die Reaktion von Hopp und Bayern, sowie die Kritik an den Ultras. Anm. d. Red.] hochgejubelt. Da fehlte halt die zweite Sichtweise. Würdest du sagen, die gibt es trotzdem in der „normalen“ Berichterstattung, von der ich den Ballesterer mal herausnehmen würde? 11 Freunde vielleicht auch, obwohl die jetzt größer sind. Ablinger:Aber von diesen ganz klassischen „Mainstream-Medien“.

Vogt: Ja, Kicker oder in Österreich wahrscheinlich der Sportteil von Heute oder Krone Zeitung.

Ablinger: Meine Annahme wäre, dass es auch dort Leute gibt, die vernünftige Positionen hätten. Mein Eindruck ist aber schon oft, dass halt einfach die Schlagzeile her muss. Und die Schlagzeile ist dann halt nicht, „Dietmar Hopp sollte mal hinterfragt werden, indem was er so tut und wie er sich stilisiert“, sondern sind dann wieder die „derben Fans, die sich an keine Regeln halten“. Und da glaube ich schon, dass das durch die Gesetze des Marktes und dieses Eingeübte – das sind dann oft die „schlimmen und bösen“ – total schnell geht. Was du auch zuerst angesprochen hast, dass es mittlerweile Leute gibt, die besser verstehen oder zumindest interessiert, was Ultras so machen. Aber wenn es um solche Dinge dann geht, dann ist sehr schnell klar, dass man dafür kein Verständnis haben kann. Ich weiß auch nicht genau woran das liegt, aber das ist schon krass. Vogt: Wäre schon spannend in einem Austausch zu erfahren, woran das liegt. Liegt das jetzt zum Beispiel an einem älteren Fußballverständnis/Fangedanken aus den 90ern oder 80ern, wo man noch überhaupt nicht auf Fanthemen eingegangen ist, und wenn, dann waren das die großen Hooligan-Geschichten.

Ablinger: Ich weiß nicht, ob du das mitbekommen hast. Es gab bei Rapid jetzt vor jedem Geisterspiel während der Corona-Phase ein Spruchband von der Fanszene. Eins davon war wirklich furchtbar sexistisch. Da finde ich es total gut, dass das neuerdings nicht nur von den Medien kritisiert wird, weil es derb ist, sondern weil es sexistisch ist. Ich finde jetzt überhaupt nicht, dass das nicht kritisiert werden sollte. Aber irgendwann ist halt der Punkt erreicht, an dem man sich fragen muss, ob die Fußballfans die einzigen sind, die sexistisch sind. Dann wird es halt irgendwann kompliziert, weil man darauf kommt, dass viele unserer Kollegen das auch sind. Die sind das wahrscheinlich anders, aber vielleicht haben die jetzt kein großes Problem damit, was da steht. Da wird es schwierig und man verlangt von Sportjournalisten doch relativ viel, weil man nicht dafür nicht nur Sportjournalismus braucht, sondern auch ein politisches Verständnis davon. Ich glaube es liegt auch daran, dass es so schnell kompliziert wird und man sich für verschiedene Dinge interessieren müsste, dass es dann keinen Eingang in die Berichterstattung findet. Vogt: Das ist dann wahrscheinlich auch eine Selbstauseinandersetzung, was mit Sicherheit nicht einfach ist.

Ablinger: Genau.

Vogt: Ja spannend, wahrscheinlich könnte man mit dem Thema noch einen ganzen Podcast füllen, aber ein zwei andere Themen haben wir tatsächlich noch. Dafür habe ich jetzt natürlich keine schöne Überleitung. Wir kommen aber so ein bisschen aufs Hauptthema und zu der Frage, wie der Journalismus inzwischen zu den Vereinen und Verbänden steht und wie viel man eigentlich noch machen kann. Also die Verbindung von Journalismus und PR. Wie sehr kann ich als Journalist noch eigenständig arbeiten? Was ich so bei meinem Praktikum beim Weser Kurier mitbekommen habe ist, dass halt Presse immer vorbereitet und pressefertig gemacht wird. Du kriegst halt auch keine SpielerInnen dazu, irgendwelche Aussagen zu tätigen, die sie noch selber tätigen. Es wird immer noch ein zweimal drüber geguckt. Wie kriegst du das so mit?


Ablinger: Das ist ganz interessant. Ich habe vor zwei, drei Jahren ein Interview mit dem Oliver Glasner geführt, der damals noch LASK-Trainer war und mittlerweile beim VFL Wolfsburg ist. Da war ein Kollege mit dabei, der eigentlich in Deutschland arbeitet und der war völlig fertig, dass wir das Interview ohne Pressesprecher geführt haben. Das ist dann der Vorteil in Österreich, dass die Strukturen hier nicht ganz so professionell sind. Manche Pressesprecher in Österreich haben einfach nicht die Zeit, um zu jedem Interview mitzugehen, weil noch 17 andere Dinge nebenbei machen müssen. Klar, Freigabe und Autorisierung ist ein Problem, das auch nicht kleiner wird. Es ist aber schon noch einmal anders in Deutschland. Ich weiß jetzt nicht, wie das beim Weser Kurier war.


Vogt: Du hast die vorgefertigten Termine, bei denen klar war: Dann hat der Spieler Zeit und er sagt auch nur das und das. Das habe ich beim Ballesterer auch schon anders mitbekommen. Da war es in der Österreichischen zweiten Liga, also nochmal eine Nummer kleiner. Da saß der Pressesprecher sogar mit dabei, aber er hat sich nie eingemischt und hat alles durchgehen lassen. Aber das war ja beim Ballesterer auch mit dem ehemaligen Sturm Graz, El Maestro, ähnlich. Ein unfassbares Interview, sowas würde in Deutschland nie durchgehen. Nie.


Ablinger: Aber das war wirklich überraschend. Das ist durch die Autorisierung gegangen, da bin ich mir ziemlich sicher, aber das hat er halt so gesagt. Das ist a Wahnsinn. Was ich noch sagen wollte: Was damit ja auch immer noch dran hängt. Eine Möglichkeit das zu Umgehen ist ja auch, wenn man mit Leuten redet, die jetzt nicht direkt bei den Vereinen arbeiten. Quasi Leute aus der zweiten, dritten Reihe. Mit denen kann man reden, ohne dass die Pressestelle noch einmal rübergeht oder ein Pressesprecher oder Pressesprecherin dabei sitzt. Deswegen ist es lohnend genau das zu tun. Sich zu fragen, wen gibt es eigentlich noch? Das macht das nochmal ergiebiger, weil du weißt, dass du danach nicht das halbe Interview rauskürzen musst.

Vogt: Ich habe auch den Eindruck, auch wenn ich jetzt nicht lange dabei bin, dass es schon immer schlimmer wird, in einer gewissen Art und Weise. Es gibt immer mehr Vereins-PR, eigene Social Media-Kanäle, auf denen auch Interviews geführt werden, bei denen aber auch nichts Kritisches dabei rauskommt. Irgendwann wurde mal wohl bemerkt, dass man das Geld für eigenen Kanäle hat oder auch eigene Zeitungen rausbringen kann, wenn man sich zum Beispiel Redbull anguckt. Im Gegensatz dazu stehen halt die Zeitungen, die einsparen müssen. Oder auch Sky, die einsparen müssen, wie du gesagt hast. Da ist ein komplettes Ungleichgewicht entstanden.


Ablinger: Das ist schon krass, wie sehr die Schere auseinander geht.


Vogt: Wir haben bei uns in der Hochschule auch zusammen Lehren mit den PR-Leuten und als ich angefangen habe, war das eher eine unbegründete und dumme Studiengangs-Rivalität. Aber im Nachhinein fand ich das schon krass. Wir hatten auch Kurse zusammen, wo uns PR-Texte und journalistische Texte vorgelegt wurden. Auch zum Beispiel von einem ganz bekannten PR-Professor aus Deutschland – dessen Name ich gerade nicht im Kopf habe – der gesagt hat, dass die PR früher relativ schlecht in Filmen und Medien dargestellt wurde und Journalismus immer gut, und das jetzt abnimmt. Dabei denke ich mir dann: Nah, das stimmt nicht. Wenn ich Journalisten in Filmen kennenlerne, dann sind die irgendwo immer hinterhältig. Immer darauf bedacht, die beste Story zu haben und gehen dafür mit Leuten ins Bett und verarschen sie dann. Selbst einer meiner absoluten Lieblingsfilme. Kennst du „Thank you for smoking“?


Ablinger:Ich habe den nie gesehen.


Vogt: Großartiger Film tatsächlich. Der soll ja schon darstellen, was die PR damals gemacht hat in den USA. Betrügen, belügen und das Beste für sich rausholen. Aber das waren halt die sympathischen in diesem Film und die einzige Journalistin war die total unsympathische. Ich finde, das zieht sich durch die Medienlandschaft. Selbst durch die wissenschaftlichen Texte. Es stimmt einfach nicht.


Ablinger: Ich widerspreche dir da überhaupt nicht. Es gibt eine große Zahl an Journalistinnen, die inkorrekte Sachen machen und die Leute verarschen. Vom Gefühl her ist der Ruf der Journalistinnen schon schlechter geworden, auch aus den Gründen, die du gesagt hast. Aber für PR-Menschen gibt es schon eine große Faszination inzwischen. Das ist die Gegenentwicklung und ich glaube schon, dass das gesellschaftlich was aussagt.


Vogt: Dann habe ich mich falsch ausgedrückt. Genau das meinte ich nämlich auch. Der Ruf von Journalist*innen wird immer schlechter, gleichzeitig auch die Bezahlung. Und PR hat eine viel größere Faszination. Auch unser Journalismus-Dozent, lange Zeit im Radio unterwegs, lange journalistische Schule, meinte: „Wenn ihr ein PR-Angebot kriegt, dann nehmt es an. Es ist das Dreifache von dem, was ihr im Journalismus kriegt“. Da ist aber auch ein Problem zu sehen, auch wenn ich hier gerade schon sehr abschweife. Mit PR-Taktiken, so nenne ich es jetzt mal, auch wenn es wieder sehr abfällig klingt, komme ich auch im Journalismus weiter und natürlich wende ich die dann an. Dadurch sinkt halt auch das Vertrauen in richtigen Journalismus viel weiter. Das ist eine besorgniserregende Entwicklung und ich habe keine Ahnung, was man da so richtig gegen tun kann, außer vielleicht doch mal kritischer untereinander zu werden. Das ist ein wichtiger Weg, um sich da mal entgegenzustellen, um mal auch als große Tageszeitung zu einer anderen zu schreiben, dass die nur Humbug macht. So macht man sich halt Feinde, aber vielleicht tut man dann mal was generell für Journalismus.
Gut, dass war jetzt ein bisschen abweichend, dafür ist ein Podcast aber auch da. Enden wir jetzt langsam. Zwei Sachen noch. Einmal der Zukunftsblick, wo wird’s denn hingehen. Was denkst du, was jetzt so passieren wird? Und was sind deine Wünsche?


Ablinger: Wo sich in der Zukunft die Realität und meine Wünsche decken, ist dort wo ich mir denke, dass es so etwas wie den Ballesterer in irgendeiner Form immer geben wird. Es wird immer eine Nische für Magazine geben, die einerseits Themen aufgreifen, die in Tageszeitungen keinen Platz haben und die auch einen anderen Zugang zum Fußball haben. Es wird große Herausforderungen geben, gerade was das Geld angeht. Für Werbungen im Internet gibt es halt kaum Geld, gerade im Vergleich zu Printanzeigen. Und klar, in einer Zeit, in der man aus guten Gründen immer mehr im Internet liest, wird es dann irgendwann schwierig, genug Geld zu haben. In Österreich gibt es, ich sollte es wissen, acht oder neun Tageszeitungen.


Vogt: Überregional oder insgesamt?


Ablinger: Insgesamt. Überregional gibt es ungefähr vier. Die österreichische Tageszeitungsszene ist extrem klein. Aber die werden in den nächsten zehn Jahren nicht alle überleben. Gerade nochmal wegen Corona, aber da ist einfach wirklich wenig Geld da. Die Frage, die man sich stellen muss, ist: Was sind denn Formen und Orte von kritischer Öffentlichkeit? Bei aller berechtigten Kritik an Tageszeitungsjournalismus, bieten Tageszeitungen immer noch Raum für kritische Auseinandersetzung und für Kritik. Klar wird die oft nicht wahrgenommen, aber da mache ich mir eher Sorgen, dass diese Räume noch einmal kleiner werden. Und das noch einmal alles prekärer wird. Gerade, auch das haben wir angesprochen, weil die Ausbildung für einen Journalisten ewig lange dauert. Wer sind denn dann auch die Leute, die sich das leisten können? Das Problem hat man immer schon gehabt, dass Journalismus nicht sonderlich divers ist, aber das wird gefühlt nicht besser werden.


Vogt: Auf den gesamten Fußballjournalismus bezogen. Wie schätzt du das, jetzt mal Sky als Beispiel genommen, in der Fernsehlandschaft ein? Bleibt es oder wird es sicher immer weiter hochspielen?


Ablinger: Ich bin ja Politikwissenschaftler, was heißt: Ich habe Marx gelesen und die marxistische Analyse wäre, dass es tendenziell immer zur Konzentration der Player kommen wird. Vom Gefühl her würde ich sagen, dass es vielleicht in fünf Jahren kein Fußballspiel von Sky übertragen wird, sondern alle von DAZN. Es wird alles spannend, aber über kurz oder lang wird sich das alles wieder reduzieren. Wie sich das auf die Berichterstattung auswirken wird, traue ich mir noch nicht zu sagen. Ich würde schon sagen, dass es Unterschiede zwischen Sky und DAZN gibt, aber wie das ausgeht: keine Ahnung.


Vogt: Das ist vor allem mit Corona nochmal spannend, vor allem wie die Nachwirkungen da noch einmal einwirken. Und ob sich dadurch die Berichterstattung generell ändert. Wäre auch noch mal ein Fass, aber dafür haben wir nicht mehr die Zeit, auch wenn es interessant ist. Wir wollten aber noch einmal mit etwas Schönem abschließen. Wir haben uns Gedanken über eine „Top Drei Momente des Fußballjournalismus“ gemacht. Das kann alles Mögliche sein, positiv oder negativ. Kann man eigentlich bei negativ noch von „Top“ reden?
Ablinger:Das habe ich mich auch kurz gefragt. Wahrscheinlich braucht man da ein besseres Wort, aber man weiß was gemeint ist.


Vogt: „Die drei Momente des Fußballjournalismus“. Kann auch geschichtlich oder modern, sehr persönlich oder auf einer Meta-Ebene sein.


Ablinger: Wollen wir es abwechselnd machen?


Vogt: Können wir machen. Ich würde mal mit Top-Drei anfangen. Top-Drei und Top-Zwei unterscheiden sich wenig. Top-Drei habe ich jetzt beschlossen, ist das Meta-Ding. Nämlich die Fanszines, die schon in den 80ern mit „When Saturdays Comes“ in England entstanden sind, als erste große Verbindung von Fußball mit Gesellschaft und Fußball mit Fans. Als Vorgänger vom Ballesterer, als Vorgänger von 11 Freunde. Die es auch immer noch gibt, immer noch spannend sind und ein unfassbar interessantes Design haben. Habe ich auch letztens erst durch den Ballesterer das Magazin „Fußball und Trauer“ entdeckt. Wollte ich mir auch noch holen, unfassbar spannendes Thema. Und so wunderschön uralt mit diesem Schreibmaschinen-Druck aufgebaut. Und das es diese Fanzines gibt, ist sehr wichtig. Ohne die wäre ich nie beim Ballesterer gelandet. Deswegen ist das meine Top-Drei positiv.

Ablinger: Dann mach ich mal weiter. Ich habe die jetzt nicht gerankt, ich fange einfach an, wie ich sie mir überlegt habe. Ganz anderes Thema, auch vom Geld was dahinter steckt. Es gab vor zwei oder drei Jahren eine siebenstündige Doku von ESPN, diesem großen US-Amerikanischen TV-Sender, „O.J.: Made in America“. Bezogen auf O.J. Simpson, der dann rechtlich betrachtet seine Ex-Frau und ihren neuen Partner nicht umgebracht hat, aber deswegen vor Gericht stand. Ezra Edelman, der den Film gemacht hat, erzählt diese Geschichte, die ja eigentlich immer nur darum geht, dass es diesen Footballspieler gab, der seine Ex-Frau umgebracht hat und dann die Weißen meinten, dass er schuldig war und die Schwarzen, dass er unschuldig war. Und Ezra Edelman in dem Film macht ist, dass er ein riesengroßes Panorama darum aufbaut und erzählt, dass die Schwarzen nicht der Meinung gewesen sind, dass Simpson unschuldig war, weil er schwarz ist. Sondern weil sie halt jahrzehntelang Erfahrung mit rassistischer Polizeiarbeit in Los Angeles gemacht haben. Dazu gibt es noch viele andere Aspekte, die viel breiter beleuchtet werden. Ich finde, dass guter Sportjournalismus darin besteht, dass was oberflächlich passiert gesellschaftlich zu verstehen und in dem Sinne aufzubereiten. Und dafür ist „O.J.: Made in America“ ein fantastisches Beispiel.

Vogt: Das war jetzt aber American Football oder?

Ablinger: Ah, ich habe gedacht Sportjournalismus.

Vogt: Ne, Fußballjournalismus.


Ablinger:Sagen wir, das ist ein Übersetzungsfehler.
Vogt: Okay. Ja das Thema kenne ich, aber ich habe mich nie damit auseinandergesetzt und weiß nur, dass es Kontroversen darum gab. Sieben Stunden meintest du?


Ablinger: Es ist unterteilt in mehrere Folgen, aber er hat es als einen Film konzipiert und damit auch den Oscar gewonnen.
Vogt: Das ist voll an mir vorbeigegangen. Klingt auf jeden Fall spannend. Ich bin zwar nicht im American Football drinnen, aber das Thema ist schon weltbekannt. Dann mache ich mal weiter mit der Zwei, ist wieder Fußball und auch ein bisschen negativer. Ich habe dafür was aus der persönlichen Ecke rausgekramt. Es geht um das auflaufen lassen von Vor- und Nachberichterstattung mit den immer gleichen Fragen durch den wunderbar trockenen Thomas Schaaf, der jeden Journalisten die Hölle gemacht hat. Nicht so schlimm wie Otto Rehhagel bei Werder, aber auch sehr gut, wo auch ein geschätzter Radioreporter, Henry Vogt, sehr an im Knabbern musste. So herrliche Sachen dabei. Es gibt Fragen wie, „was für ein Zeichen ist es, dass der Torhüter heute gespielt hat“? Schaaf: „Das er heute gespielt hat“.


Einspieler


Vogt: Diese auflaufen lassen und dieses herausstellen, wie gleich einfach diese ganzen Fragen sind. Oder wie auf Sensation die Fragen aus sind. In Frankfurt kam mal die Frage auf, „bei Werder haben sie 4:3 gespielt. Jetzt spielen sie hier 1:0, das ist doch ungewöhnlich“. Und seine erste Antwort war: „Mein erstes Spiel bei Werder war ein 1:0“. Dieses total trockene, dieses auflaufen lassen, konnte er einfach gut. Die Sinnhaftigkeit von Feldberichterstattung ergibt sich mir einfach nicht, es ist immer gleich. Sie ist im deutschen Fußball nicht so schlimm wie in anderen Ländern und erst recht nicht, wie in anderen Sportarten. Analysieren kannst du sowieso nichts, manchmal kriegst du als Reporter ja eher eine mit. Letztens mit dem Müller oder Da Costa hat das mal anders hochgenommen. Es ist aber ein negativer Punkt im Fußballjournalismus, in dem ich keinen Sinn drin sehe.


Ablinger: Jetzt geht es um Fußball, versprochen. Vielleicht ein ähnliches Thema, ich schaue auch schon die ganze Zeit hin. Ballesterer-Ausgabe Nummer 79 oder 80, konsequente Eigenwerbung jetzt, tut mir leid. Es ist ein Schwerpunkt zum Thema Champions League, von Nicole Selmer und Klaus Federmair, den ich gelesen habe, bevor ich zum Ballesterer kam. Der hat mir sehr imponiert, weil er was gemacht hat, was sonst nie thematisiert wird, wenn du Champions League schaust. Die ist ja erst Anfang der 90er entstanden, in einer Zeit, in der auch die Premier League gegründet worden ist, also wo der Fußball immer exklusiver geworden ist. Wo eigentlich von Beginn an einer der Hintergedanken war – okay, es ist jetzt nicht die Super League und es ist noch immer nicht der Fall. Aber es ist ein riesengroßer Schritt in diese Richtung -, mehr Fernsehgelder zu kreieren, die man immer ungleicher verteilen will. Immer wenn es jetzt darum geht, dass dort die Besten spielen und es die Königsklasse ist. Das mag alles sein. Aber die Kehrseite ist, dass das ein wesentlicher Teil ist, der dazu beigetragen hat, dass Fußball langweiliger geworden ist, und berechenbarer geworden ist, wer jetzt die besten Mannschaften in der Champions League sind. Weil die im Endeffekt auch das meiste Geld bekommen haben. Dass das auch dazu führt, dass österreichische Mannschaften, mit Ausnahme von RB Salzburg, keine Chance mehr haben in die Champions League zu kommen, wird halt nie thematisiert. Und das machen die Nicole und der Klaus in diesem Text sehr gut. Das kann Fußballjournalismus auch sein.


Vogt: Spannend. Die Ausgabe kenne ich nicht. Muss ich mir mal holen. Das ist ein interessanter Punkt. Wenn jetzt kritisiert wird, wohin Champions League geht, denke ich mir auch immer: Die Champions League war halt auch schon ein riesiger Schritt, wahrscheinlich nicht mal der Erste, zur Exklusivität, zur Vermarktung. Dieser moderne Fußball ist nicht erst seit vier, fünf Jahren so.
Punkt Eins ist ein sehr persönlicher Punkt, den ich dir vorspielen muss. Im Podcast werde ich ihn dann einspielen. Ich tendiere in meiner zukünftigen Journalismus-Karriere eher Richtung Hörfunk, deswegen zum Beispiel auch dieses Podcast-Projekt. Beeinflusst hat mich damals 2008/2009, auf dem Weg zum UEFA-Cupfinale von Werder, die Berichterstattung von Henry Vogt und Heiko Neugebauer bei Bremen Eins zum Spiel Werder gegen Milan. Werder lag 2:0 zurück und es war eine richtig schöne, intensive Berichterstattung, die man dann im Radio hatte. Wir konnten das Spiel nicht im Fernseher gucken, ich weiß gar nicht, wo das lief.


Ablinger: Premiere oder Sky wahrscheinlich.


Vogt: Genau, ich durfte das auch gar nicht gucken. Da war ich ein bisschen zu jung für. Und das war als Kind dann auf dem Sofa oder Bett dann so prägend. Jetzt finde ich es gerade nicht.


Ablinger: Dann such du nochmal und ich sage schon mal meine Top-Eins. Es geht lustigerweise in eine ähnliche Richtung, aber auch ganz anders. Wir haben die Tage schon einmal drüber geredet. Champions League Barcelona gegen Bayern, als Barcelona haushoch gewonnen hat und Messie dieses Tor schießt, wo er den Harken gegen Boateng macht und den herauslaufenden Neuer überchipt. Unglaubliches Tor. Und Martin Tylor, der dieses Spiel in England kommentiert, sagt nach fünf Sekunden reiner Stille: „Only Football can make you feel like this“. Ich finde den einen irreschönen Satz, weil er es total gut trifft, was Fußball in einem auslösen kann. Dass es tatsächlich mit nichts vergleichbar ist. Weil so ein schönes Tor in dieser völligen Unberechenbarkeit des Spiels was völlig eigenes und großartiges ist. Das ist das tolle an diesem Satz. Gleichzeitig denk ich mir aber auch, dass man das über viele Tore sagen kann. Das ist das, worüber wir am Anfang gesprochen haben: Dass alles immer das Schönste und Beste sein muss. Dem entspricht dieser Satz auch ein bisschen. Klar ist es dann auch diese extrem hochstilisierte Berichterstattung, die immer das Größte aller Zeiten sein will. Das klingt schon durch. Nichtsdestotrotz finde ich, dass das ein sehr schöner Satz ist. Auch Gänsehaut, weil er aus meinem Herzen gesprochen hat.


Vogt: Ich erinnere mich auch an dieses ungläubige Staunen.


Ablinger: Ja, weil der Boateng auch einfach umfällt.


Vogt: Schön beschriebener Moment auf jeden Fall.


Abmoderation